„Für den Vater“

Ein Bild der Erinnerung

Zum Werk „Für den Vater“ von Ludwig Dunkel

Der Künstler Ludwig Dunkel zeigte anlässlich der Ausstellung „Gerettet – auf Zeit. Kindertransporte nach Belgien 1938/1939“ in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin 2025 seine neue Arbeit „Für den Vater“.

Die Installation war mitten in einem mehrgeschossigen Foyer aufgebaut. In einem durch ein Band und vier Pfosten abgesperrten Rechteck standen zwei Konferenztische längsseitig aneinandergestellt. Auf ihnen lagen übereinander drei Teppiche mit ornamentalen Mustern. In einer Ecke der Teppiche war ein unbenutzter silberfarbener Metalleimer platziert. Die vier silberfarbenen Absperrpfosten, die mit Zierkugeln abgeschlossen waren, hatten Absperrbänder aus schwarzem, straff gespanntem Gummi.

Die Verbindung von im Gebäude vorgefundenen Elementen (Tische) mit hinzugefügten Objekten (Teppiche, Eimer, Band und Pfosten) wirkte in ihrer Kombination von Funktionssignalen der Alltagsgegenstände und deren tatsächlichem Gebrauch rätselhaft. Sie waren nicht zugänglich, die abgesteckte Fläche zu betreten, war nicht erlaubt. Dem Ausschluss der Besucher*innen standen die eingeschlossenen Objekte gegenüber. Sie waren still gestellt, ein Stillleben. Ein Bild des Verlassenen.

Der Symbolwert der Objekte war maximal reduziert, die Anordnung der Dinge erschien falsch. Die Teppiche lagen nicht wie sonst üblich auf dem Boden. Der Eimer wirkte deplatziert, die Position der Tische willkürlich. Ob es in einer Handlung zur Unterbrechung kam, oder die Dinge nur zufällig beieinander waren? Den Eindruck von Entschlossenheit und Entschiedenheit machte allein die Absperrung. Die wiederum wertete die Dinge in ihrer Mitte auf. Waren es vielleicht minimale Gebrauchsgegenstände, die es braucht für einen nächsten Schritt? Der Eimer als Elementarform der Versorgung zum Lebenserhalt? Die Teppiche als Stellvertreter der Wohnstatt, eines Zuhauses? Die Tische als das, was vorgefunden wurde, die Notwendigkeit, vor Ort zu handeln?

Als Bild mitten in einem geschäftigen und lebendigen Ort eines Verwaltungsgebäudes schien hier etwas in der Zeit stehen geblieben zu sein. Der Zusammenhang mit der historischen Ausstellung und dem Gebäude der Landesvertretung war für die Arbeit wichtig. Das Kunstwerk bildete ein mehrfaches Hindernis. Es stand buchstäblich im Weg und war eine unerwartete erklärungsfreie Zone. Diese Irritation verstärkte sich durch die Ansprüche und Erwartungen, mit denen künstlerischen Arbeiten begegnet wird. Die Tatsachen der Exklusion und Inklusion, die Sichtbarkeit des Unzugänglichen, das Anschauen von Verlassenem, die gegen ihren Gebrauch zusammengestellten Alltagsgegenstände - in dieser Weise verbindet sich die Berliner Arbeit mit Anlass und Thema der Ausstellung, der Verfolgung jüdischer Kinder in der Schoa. Der Künstler verweigerte aber eine unmittelbare Sinngebung, auch wenn alle Dinge identifizierbar und konkret waren. Zu sehen war ein Werk aus subtilen, widerspenstigen Formelementen, das zum Fragen und zum Nachdenken herausforderte.

Dass dieses Nachdenken sehr persönlich ist, wird durch den Titel des Kunstwerks deutlich:
„Für den Vater“.
Ein Bild der Erinnerung, das den kurz vor der Ausstellung verstorbenen Vater des Künstlers würdigt und auf eine außergewöhnliche und berührende Weise dem Publikum vorstellt. Die oben genannten Tatsachen des Kunstwerks konnten in dieser Weise zu Erfahrungen des Eingedenkens werden, die sich einstellen im Angesicht eines Bildes des Abschieds.